Jugendtraumaaufarbeitung mit Smoothies

Brennnesselhaare, Bild: Jerôme Prohaska

Kabeljau war in meiner frühen Jugend (anno 1968) der Fisch des Freitags, den es immer in Kombination mit Spinat und Kartoffeln gab. Das Problem war für mich nicht so sehr der Fisch, sondern vor allem der Spinat. Wegen einer Fehlinterpretation eines Labormesswertes wurde diesem Gemüse ein zehnfach höherer Eisengehalt als in realita zugesprochen (Eisen ist ja für die Blutbildung so wichtig). Dabei war der Nitratgehalt in diesem Gemüse gewaltig und hat vermutlich die positive Wirkung des Eisens völlig aufgehoben. Das war alles wissenschaftlich untersucht und bekannt, wurde aber ignoriert.

Die Firma Iglo jedenfalls erkannte die Not der Kinder und die Naivität der Mütter und verwandelte mit einer geradezu genialen Marketingaktion das grüne Gemüse in etwas Gewinnbringendes. Der grausame Spinat wurde mit Sahne (und vermutlich einigen Gewürzen) in eine essbare Pampe und der riechende, faserige Fisch in frittierte Stäbchen verwandelt. Den Kindern schmeckte es plötzlich und die Mütter waren glücklich, weil ihr Kind ja nun genügend Eisen bekam.

Meine Eltern jedoch blieben auf der naturbelassenen Linie, denn Iglo-Fertigkram kam unter keinen Umständen auf den Tisch. Ich erhielt mitleidige Blicke von meinen Mitschülern, wenn ich die Frage „und was gabs bei Euch am Freitag?“ beantwortete. Heute stelle ich mir die Frage: was führte sowohl bei den Fertigkram-Essern als auch bei den Naturbelassenen zur Ignoranz der Fakten über die Inhaltsstoffe von Spinat? Es erinnert mich an die derzeitigen „alternative facts“ oder auch „fake news“. Sie setzen sich, je nach dem wie sie verbreitet werden, im kollektiven Unterbewusstsein fest. Falschmeldungen in Zeitungen haben ja auch trotz Widerrufen eine sehr hohe Persistenz. Einzig die Zeit kann sie vergessen machen, nicht das Dementi.

Soweit das Allgemeine. Was ich aber hier speziell beobachte ist, dass sich dieses Ignoranz-Phänomen wiederholt: als grün-braunes Gebräu in Form von Super-Food-Smoothies. Die haben sowas mystisch kräuterhexleinhaftes. Und sind bio-vegan. Der Geschmack ist völlig egal, Hauptsache gesund.

Nun beginnt die eigentliche Story zu meinem kulinarischen Kindheitstrauma. Irgendwie bildete sich damals im Speicher meines Hirns eine feste Verlinkung zwischen gekochtem, faserigem Kabeljau und Spinat und üblem Geschmack aus.

Um 1970 kam dann das Wort „Rohkost“ auf, was eigentlich immer bedeutete: roh, ungewürzt, unverdaulich, nicht gut schmeckend, ungeschält (weil das Beste unter der Schale sitzt), aber gesund. Und die ersten Reformhäuser kamen auf, mit ihrem immer gleichen Geruch, einer Mischung aus Schweiss, Getreideschrot, Seifen-Putzmittel, Cenovis-Würze, Hefe und Tartex-Paste.

Meine Mutter entwickelte in ihrer aus der Schweiz inspirierten Früh-Bio-Rohkost-Phase eine besondere Experimentierfreude. Irgendwann fand sie in einem Bio-Buch zwischen Barbara-Rütting-Brot-Rezepten und Sechskorn-Müsli-Zubereitungsarten auch den Hinweis darauf, dass Brennnesselblätter ein altes, völlig unterschätztes und äusserst gesundes Gemüse seien. Es habe noch mehr Eisen als Spinat. Also fügte sie dem Spinat quasi als Fe-Booster rohe, gehäckselte Brennnesselblätter bei. Das geschmackliche Ergebnis war eindeutig mehr als die Summe der Teile: nur in die falsche Richtung. Die Familienmitglieder weigerten sich das zu essen und gaben unisono vor, Magenbeschwerden zu bekommen. Schlechter Geschmack wäre ja gegenüber der Wertigkeit der Gesundheit kein gültiges Argument gewesen.

So leicht gab sie sich aber nicht geschlagen. Sie entdeckte den Frühzeit-Smoothie. Um das „Gesunde“ zu maximieren, wurden die Brennnesselblätter durch den Entsafter gejagt. Und es gab diesen maximal scheusslichen Saft bewusst vor dem Spinat zu trinken, damit man schon mal das grössere Übel hinter sich hatte. Mein Vater (Arzt!) verlangte danach mal nach einem Schnaps, woraufhin der Haussegen gehörig schief hing. „Wenn Ihr wüsstest, welche Mühe ich mir gemacht habe, um Euch was Gesundes zu bieten“. In mir verfestigte sich die Überzeugung, dass wirklich alles Selbergemachte, alles „Gesunde“ abscheulich schmeckte. Und umgekehrt: alles Gekaufte, Ungesunde war gut.

Als Kompensation entwickelte ich kriminelle Energie und klaute im lokalen Supermarkt künstlichen, mit Milch kalt anzurührenden Vanille-Creme-Pudding (es gibt auch eine Frühversion mit Zitrone, als die künstlichen Aromen aufkamen: Majala Traumcreme im Blog „lilamalerie“, hier meine Spätversion, der ich verfallen war: MAJALA_Creme_Dessert_Vanille ) und ass ihn heimlich beim Lesen eines aus heutiger Sicht völlig rassistischen Karl May Romans. Es war herrlich! Der reinste Zucker-Vanille-Schock. Das Zeug habe ich immer noch in guter Erinnerung. Die Bücher habe ich hinter mir gelassen.

Heute, in der Bio-Vegi-Vegan-Phase, sind die Brennnesselblätter von jungen Müttern wiederentdeckt worden. Sind diese Frauen alle mit Gummibärchen aufgezogen worden? Fehlt ihnen jeglicher Geschmackssinn? Die Brennnesselblätter werden jetzt allerdings nicht entsaftet, sondern gehäckselt und in grünen Superfood-Smoothies versteckt. Übrigens kann man den Brennnesselsaft sehr subtil mit süsslichem Weizengrassaft überdecken, der für Stunden im Gaumen kleben bleibt. Ich hab es letztes Jahr auf einem sehr fortschrittlichen Bio-Markt in den USA probiert. Wissen diese Frauen eigentlich, was sie ihren Kindern antun?

CK