Siebecks Erbe

Wolfram Siebeck verantwortet etwas: dass ich im letzten Jahrtausend begonnen habe, mich mit gutem Essen zu beschäftigen. Dass man in Deutschland, abgesehen von vegan-paleo-glutenfrei und sonst noch politisch korrekten Kochtrends, inzwischen gute, nein sehr gute Restaurants findet und die Besucher bereit sind, fürs Essen mehr Geld auszugeben. Das ist in Frankreich und Italien schon immer so gewesen, im deutschsprachigen Raum war man von einer nouvelle cuisine damals eher verschreckt worden.

Foto - www.kochzitate.de
Foto – www.kochzitate.de

Es hat viele Jahre nach dem Weltkrieg gedauert bis Tunke, Mehlschwitze und verkochtes Gemüse verdrängt wurden. Bio wurde plötzlich mit Gourmet in Verbindung gebracht. Das ist mit Herrn Siebecks Verdienst. Ich hätte nichts dagegen, ihm ein Verdienstkreuz umzuhängen. Dann kommt sein unterhaltsamer Stil und seine Kampfeslust gegen Genmanipulation (und die Antwort von Frau Nüsslein-Volhard) hinzu. Oder sollte ich sagen «… ein bisschen Ingwer wandert auch noch hinein …», unverkennbare Sätze aus den Kolumnen im ZEIT MAGAZIN.

Wenn ich denn suche, finde ich auch etwas Kritisches: Die Fotos in seinem Kochbuch «Alle meine Rezepte» wurden absichtlich so gestaltet, dass der Koch einfachen Gemüts nicht abgeschreckt werde sollte. Jedes Food-Porn-Bild mit dem Handy ist heute besser. Aber so war das halt. Ein weiterer Kritikpunkt: gerade als ich mich mit Herzklopfen daran gewagt hatte, am jährlich stattfindenden Kochwettbewerb der ZEIT teilzunehmen (ohne Hoffnung auf Erfolg, da man ja an die Himmelspforte klopfte), wurde diese nach gefühlten 20 Jahren eingestellt. Wochenlag habe ich geübt, alle Freude und Bekannten mit meinen Kreationen traktiert und dann das. Ich bin auch da drüber hinweg gekommen und freue mich, noch was vom alten Stil im jährlich wiederkehrenden Weihnachtsmenü zu finden.

Anmerkung der Redaktion: Wolfram Siebeck ist am 7. Juli verstorben. Der Artikel floss mir noch vor Bekanntwerden seines Todes in die Feder. Er hat mich all die Jahre begleitet. Ohne ihn gäbe es diesen Blog nicht.

Hier noch ein paar Sätze, die mit meiner Haltung gegenüber der Kulinarik übereinstimmen und die ich dem Nachruf der „ZEIT“ vom 8.7.2016 entnommen habe:

„… Essen und Trinken ist in aller Munde. Aber richtig weitergekommen sind wir in all den Jahren nicht, im Gegenteil“, meinte er bis zuletzt. Seine Kritik: „Die Deutschen geben zu wenig Geld für gutes Essen aus und sie sind dem Wahn der Fertiggerichte verfallen.“ Doch genießen lasse sich lernen. „Statt im Supermarkt sollten die Menschen beim guten Metzger, Käsehändler oder Erzeuger vor Ort einkaufen“, riet er. „Das bringt Lebensqualität.“

Siebeck kultivierte sich als Gegner von Kochshows („Besser kochen oder essen können sie dadurch nicht“) und Kochbüchern („Den meisten Menschen dienen Kochbücher lediglich als Ausstellungsstück fürs Bücherregal“). Mit Vegetariern konnte er überhaupt nichts anfangen („Lebensfreude oder pure Lust am Essen kann ich bei Vegetariern nicht entdecken“). Mit deutlich formulierten Ansichten wie diesen machte er sich naturgemäß nicht nur Freunde….“

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